Vom Paradies in die Feuerhölle

Vor 30 Jahren explodierte Reaktor IV in Tschernobyl - Und vor 5 Jahren geriet Fukushima außer Kontrolle

Das große Bild im Speisesaal der ehemaligen Wismut AG in Ronneburg/Thüringen zeigt glückliche Menschen, die sich um eine helle Lichtquelle versammeln. Im Umfeld sind Gebäude, Maschinen, Stromleitungen dargestellt und symbolisieren eine Welt des Wohlstandes. Die Wismut förderte zu DDR-Zeiten Uranerz für die Sowjetunion.

Das helle Licht steht für den Atomkern und die Kernspaltung, die mit Hilfe von Atomkraftwerken Strom produziert. Das Bild vermittelt: Der Strom bringt Licht und Wärme in die kleinste Hütte, treibt Maschinen an und befreit die Menschen von der körperlichen Schinderei.

Bisher sorgten sich die Menschen um die abnehmenden Vorräte von Holz, Kohle und Öl. Nun sollte mit der Atomkraft für alle Zeiten eine Energiequelle zur Verfügung stehen. Die Menschheit stünde sozusagen vor der Tür des Paradieses.

Aus dem Paradies wurde am 26. April 1986 innerhalb von Sekunden eine Hölle. Der Reaktor IV im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine geriet außer Kontrolle, es kam zur Kernschmelze und es wurde durch die Explosion in riesigen Mengen radioaktive Stoffe in die Atmosphäre geschleudert.

Im Ernstfall hilflos

Von diesem größten anzunehmenden Unfall (GAU) erfuhr die Öffentlichkeit jedoch erst Tage später durch die schwedischen Behörden, die stark erhöhte Radioaktivität in der Luft festgestellt hatten. Hinzu kam die Geheimhaltungspolitik der damaligen sowjetischen Regierung. Obwohl gerade „Glasnost“ verkündet worden war, gab es eine zehntägige Nachrichtensperre und der GAU wurde als „kleiner Zwischenfall“ deklariert. Dies sollte helfen, das Gesicht zu wahren und bei der Bevölkerung eine Panik zu verhindern.

Feuerwehrmänner und „Liquidatoren“ sollten den Brand unter Kontrolle bringen und wurden in kürzester Zeit verstrahlt und starben bald darauf. Erst nach den Feiern zum 1.Mai wurde Großalarm gegeben und die umliegenden Dörfer und Städte evakuiert. Längst hatten die Einwohnerinnen und Einwohner radioaktive Substanzen durch die Luft und die Nahrung aufgenommen. In mühevoller und gefahrvoller Arbeit wurde der Reaktor von Hubschraubern aus  mit Sand und Blei überschüttet. Später wurde er in Beton eingegossen. Der Betonmantel zeigte bald erste Risse.

Die radioaktive Wolke aus der Reaktorexplosion war bis weit nach Westeuropa gedrungen und regnete in verschiedenen Gebieten ab. In Süddeutschland zeigten die Messungen Regionen mit besonders stark erhöhter Radioaktivität.

Die deutschen Behörden waren unvorbereitet, wiegelten ab und entwickelten dann doch hektische Aktivitäten. Die Angst ging um. Kinder durften nicht mehr auf den Spielplatz. Freilandgemüse war belastet, wurde gesammelt und in Zwischenlager deponiert. Dasselbe geschah mit Milchprodukten. Noch heute sind bestimmte Waldpilze und Wildtierarten mit radioaktiven Substanzen hochgradig belastet -tausende Kilometer entfernt von der Unfallstelle.

Eine gesundheitliche und soziale Katastrophe

In der Umgebung von Tschernobyl wurde eine Sperrzone eingerichtet. Über Hunderttausend Menschen mussten evakuiert und dann dauerhaft  umgesiedelt werden, weil die radioaktiven Isotope im Boden noch Jahrhunderte vorhanden sind und von Pflanzen und Tieren aufgenommen werden und so letztendlich  in die menschliche Nahrung gelangen.
Die Reaktorkatastrophe ist auch eine soziale Katastrophe, weil viele Menschen entwurzelt wurden und die entsprechenden Eingliederungen nur schwer gelungen sind.

Die Menschen in der Ukraine und in Belarus leiden an den gesundheitlichen Folgen des Fallouts. Es treten gehäuft Schilddrüsenversagen, Schäden an den Lungen und an den Schleimhäuten, besonders in der Mundhöhle auf. Auch das Erbgut hat Strahlen abbekommen. Aus Angst vor behinderten Kindern ist in den betroffenen Gebieten die Geburtenrate gesunken.

Die Krankenhäuser der Region sind bemüht, die Strahlenopfer ausreichend medizinisch zu versorgen. Glücklicherweise gab und gibt es eine Welle der Hilfeleistung. So gründete das Evang. Männerwerk in Württemberg den Arbeitskreis Weißrussland „Freunde der Kinder von Tschernobyl“ und ist bis heute aktiv. Jedes Jahr fahren Lastzüge mit gespendeten Geräten und Medikamenten in die GUS-Staaten und Erholungsheime für Kinder werden unterstützt.

Eine Katastrophe mit unabsehbaren Langzeitfolgen

Lebensbedrohliche Gefahren werden oft nicht unmittelbar bemerkt, entweder weil die Dimension der Gefahr nicht erkannt wird, weil die Gefahr bagatellisiert wird oder gar wie damals in der alten Sowjetunion geschehen, eine Zensur stattfindet.

In Tschernobyl war zwar der Brand wahrnehmbar, aber die noch viel größere Gefahr, nämlich die radioaktive Strahlung war ohne Instrumente, ohne Vermittlung und Deutung nicht erkennbar. So sind die ersten Feuerwehrleute regelrecht "verheizt" worden.

Radioaktive Strahlung ist heimtückisch, weil sie sinnlich nicht wahrnehmbar ist. Es braucht Instrumente, die die Strahlung anzeigen. Viele der radioaktiven Stoffe, die freigesetzt wurden, haben eine hohe Halbwertszeit, manche tausende von Jahren. So können radioaktive Isotope, da sie  statt notwendiger Mineralstoffe vom Körper aufgenommen und eingebaut werden, über Jahre hinweg Schäden anrichten.

Das betrifft insbesondere das Erbgut. Die Strahlen „bombardieren“  die empfindliche DNS-Struktur. Als Folge sind bei Pflanzen Mutationen aufgetreten. Auch bei Tieren und Menschen sind „Erbkrankheiten“ zu erwarten. So übertragen sich die Beschädigungen auf die Kinder und Enkel.

Nach der Katastrophe hieß es, dass solche Ereignisse in einem westlichen Land nicht vorkommen könnten. Weit gefehlt: Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika gab es 1979 in Three Mile Island / Harrisburg eine Beinahe-Katastrophe.

Und dann das Desaster im japanischen Kernkraftwerk (AKW) Fukushima. Obwohl in Japan die AKW erdbebensicher sein sollten, gerieten durch Erdbeben und Tsunami alle Anlagen außer Kontrolle. Ein herber Schlag für ein hochtechnisiertes Land.  

Nach dem ersten Schock spüren wir, wie unser Herrschaftsverständnis angekratzt wird. Und die Bilder erschüttern erneut unsere Technikgläubigkeit. Darf man Anlagen betreiben, die außer Kontrolle geraten können und solche Folgen mit sich bringen? Die Konsequenz kann nur heißen: So schnell wie möglich weltweit aus der Nutzung der Kernenergie aussteigen

Es braucht einen Diskurs über Risiken und Szenarien

Aber der Einsatz der Kohle zur Stromgewinnung erhöht die CO2-Emissionen erheblich. Und bei Erdöl haben wir das Maximum der Förderung erreicht. Nachwachsende Rohstoffe können eine Nische füllen, aber sie werden meist konkurrierend zu Lebensmitteln angebaut. Oder sie benötigen Flächen, die der Naturschutz beansprucht. Auch die Nutzung der tiefen Geothermie hat Risiken offenbart. Sonne und Wind liefern Energie kostenlos, aber das Angebot schwankt. Deshalb sind Speichersysteme erforderlich. Pumpspeicherwerke sind geplant, aber die Pläne stoßen vor Ort auf Widerstand. Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist ohne Alternative, aber die "Bäume wachsen nicht in den Himmel" und die Entwicklung und der Ausbau von Speichermedien erledigen sich nicht von heute auf morgen.
Die Szenarien für den Ausstieg aus der Kernenergie rechnen meist mit einer Effizienzverbesserung und einem geringeren Verbrauch im Privatsektor. In letzten Jahren ist der Stromumsatz aber stetig gestiegen, 10 % gehen davon auf die Nutzung der EDV und den Peripheriegeräten.

Nachhaltig handeln

Also: "Abschalten" ist zu wenig. Wir müssen Energie sparen, wo es nur geht. Die ganze Wahrheit ist, dass wir unsere Wirtschaftweise und unseren Lebensstil drastisch ändern müssen. Das wird teuer und unbequem sein, zum Beispiel im Bereich der Mobilität. Und die Herausforderung wird sein, das Alles ohne diktatorische Maßnahmen zu realisieren. Die EKD-Denkschrift "Umkehr zum Leben" spricht von einer metanoia, einer umfassenden Umkehr, die nicht nur die Gedanken, sondern das ganze Leben und Handeln betrifft.

Die Württembergische Evangelische Landessynode hat nach den Ereignissen in Japan am 18.4.2011 die Leitlinien „Nachhaltig handeln in der Landeskirche“ einstimmig beschlossen. Darin heißt es u.a.: “Wir glauben: Der Schöpfer wendet sich mit Liebe seiner ganzen Schöpfung zu“ und weiter: „Menschen werden durch Jesus Christus von Selbstbefangenheit zur Freiheit erlöst“ Und als Konsequenz: „Wir suchen ständig nach Möglichkeiten, Energie einzusparen und erneuerbare Energien zu nutzen“

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg mit ihren Kirchengemeinden hat erste Schritte unternommen. Unter anderem können Kirchengemeinden seit 2011 mittels eines Rahmenvertrages Strom einkaufen, der ohne Atomkraft erzeugt wurde. Energie- und Umweltmanagement helfen seit vielen Jahren, Energieumsätze zu bewerten und zu verringern. Viele Kirchengemeinden holen sich die „Energie vom Himmel“ und erzeugen mittels Photovoltaik Strom. Weitere Schritte für eine Energiewende sind dringend nötig. Und alle sind herausgefordert, mit beizutragen.
 
Dr. Hans-Hermann Böhm