01.09.20

Gedanke der Woche: Sichtbare und unsichtbare Kirche

Wie sieht die Zukunft der Kirche aus? Das wird schon seit längerem heftig diskutiert. Die fetten Jahre sind vorbei, sowohl was die Zahl der Mitglieder angeht und seit Corona auch die Finanzen. Ich halte nicht viel davon, eine Krise herbeizureden, aber es lässt sich nicht leugnen, dass die Zeiten andere geworden sind und der Stellenwert von Kirche, Pfarrer, Gemeinde und Gottesdienst deutlich geringer geworden ist im Alltag der Menschen.
Am Sonntag ging es in der Predigt um die Frage, wie man richtig Kirche baut. Die Gemeinde in Korinth, die Paulus gegründet hatte, war ziemlich zerstritten in Parteien. Es gab Parteienbildung. Da erinnert Paulus daran: Wir haben einen gemeinsamen Grund, Jesus Christus ist das Fundament jeder Gemeinde. Und jeder kann und darf etwas beitragen zu dem Bauwerk das darauf entsteht. Jeder Beitrag ist wertvoll und vor allem: Wir bauen nicht nur Kirche, sondern wir sind als Gemeinschaft von Menschen selbst ein Tempel des Heiligen Gottes, ein Ort, wo Gott wohnt und erfahrbar ist. Das ist ein hoher Anspruch.
Immerhin zeigt uns der Wochenspruch aus Jesaja 42,3, dass auch die Schwachen und Angeknacksten Teil von Gottes Licht in der Welt sein können:
"DAS GEKNICKTE ROHR WIRD ER NICHT ZERBRECHEN, UND DEN GLIMMENDEN DOCHT WIRD ER NICHT AUSLÖSCHEN."
Weil ich mich am Sonntag mit der Predigt kurz halten musste – ich war anschließend noch um 11 Uhr in Ruit im Einsatz – habe ich einen Gedankengang weggelassen, der hier besser passt.
Im Netz wird viel diskutiert über die digitalen Kirche, gern unter dem Stichwort #digitalekirche. Viele fordern dort, dass man endlich vorankommen müsse mit dieser Form von Kirche, die einfach zeitgemäß sei, viele andere Sachen laufen ja auch über das Smartphone oder über das Tablet auf dem heimischen Sofa. Wir versuchen schon länger, die digitale Welt ernst zu nehmen, dieser Newsletter ist Teil dieses Versuchs. Wir streamen mit erfreulicher Resonanz den sonntäglichen Gottesdienst in die weite Welt. Wir haben in der Corona-Lockdown-Zeit viel Gebetet und sogar Abendmahl gefeiert via Zoom und BigBlueButton. Trotzdem glaube ich, dass es eine reine digitale Kirche niemals geben kann oder geben soll. Paulus beschreibt deutlich, wie verbindlich und leidenschaftlich Christen sich für den Aufbau der Gemeinde einsetzen sollen. Das Kennzeichen des Digitalen ist aber – zumindest nach meiner Erfahrung – eine gewisse Distanz. So schnell, wie ich mich reingebeamt habe, bin ich auch wieder draußen. Soziale Netzwerke und die Knoten darin kommen und gehen. Digitale Kirche kann ich mir nur vorstellen als natürliche Erweiterung von lebendigen Kirchen-Gemeinschaften vor Ort oder wenigstens solchen, die sich real immer wieder treffen. Es ist wunderbar, einen Gottesdienst per Stream oder USB-Stick zu erleben, wenn ich aus Gesundheits- oder Altersgründen nicht am Vor-Ort-Gottesdienst teilnehmen kann. Aber es ist schade, wenn das wegfällt, was Kirche zu allen Zeiten ausgemacht hat: Gemeinsam Gott loben, ihm Lieder singen, Menschen anlächeln, die mit mir den Glauben teilen, und dem Pfarrer am Ende des Gottesdienstes die Hand schütteln oder ersatzweise eine Ellenbogengeste zu machen.
Ich wünsche Euch und Ihnen eine gute und gesegnete Woche!
Euer / Ihr Pfarrer Thomas Ebinger